Jochen Schmidt_Schmythologie

“Warum widmet ein Erwachsener ein Jahr seines Lebens einem Graecumskurs? Weil Erwachsensein erst dadurch einen Sinn bekommt, daß man sich solch einen Luxus gönnt. Aber Altgriechisch spricht doch keiner mehr? Als würde man Sprachen lernen, um mit jemandem zu sprechen! Das gelingt einem doch schon auf deutsch selten genug.”

Schmythologie. Wer kein Griechisch kann, kann gar nichts. Eine Bildserie von Jochen Schmidt, illustriert von Line Hoven.

Zwei Jahre lang hat Jochen Schmidt in der FAZ kleine Texte über altgriechische Wörter verfasst, die er nicht vergessen wollte. Um die Wirkung zu verstärken, hat sich Line Hoven Bilder dazu ausgedacht. “Sie hat jeweils eine Woche gebraucht, um ein Bild in Wachstafeln zu kratzen. Die Sorte Wachstafeln, mit der sie arbeitet, gibt es nicht mehr nachzukaufen, was es noch feierlicher machte, dass sie unserem Projekt ihre Zeit und Kraft widmete. Wenn ich sie anrief, hörte ich das leise Schaben einer Nadel, weil sie die Arbeit nie unterbrach. Es klang wie bei der geduldigen Ratte, die in Kafkas „Erinnerungen an die Kaldabahn“ langsam und beharrlich ein Loch in die Wand eines Blockhauses kratzt.”

Obwohl Jochen Schmidt seit mehr als einem Jahrzehnt für die FAZ schreibt, hat er nie einen Leserbrief bekommen oder auch nur von einer Reaktion einer Leser*in erfahren. “Aber als durch einen Übertragungsfehler ο καιρός mit „Chi“ statt mit „Kappa“ gedruckt wurde, bekam ich gleich Dutzende Leserbriefe mit süffisanten Bemerkungen über meine „altphilologischen Kenntnisse“. Da wusste ich: Europa kann vielleicht ohne Griechen auskommen, aber niemals ohne Griechisch.”

Entnommen aus: Jochen Schmidt: Schmythologie. Wer kein Griechisch kann, kann gar nichts. Illustriert von Line Hoven.  C. H. Beck Verlag 2014. Fotos: M. Prinzinger (J. Schmidt und Griechisch-Lehrbuch v. J. Schmidt), Frieder Schubert bzw. diablog.de, ein Netzportal von Michaela Prinzinger


Am 18.10. ist Jochen Schmidt Teil des Panels “Mythen als performativer Akt”, gemeinsam mit Phoebe Giannisi (GR), Dirk Uwe Hansen (DE)
und Dagny Gioulami (CH)