Herzlich willkommen auf dem SYN_ENERGY-Blog!

Herzlich willkommen auf dem SYN_ENERGY-Blog!

Auf diesem Blog wollen wir euch in den kommenden Wochen schon einmal einen Vorgeschmack auf den Oktober bieten, wenn die Lettrétage ganz im Zeichen deutsch-griechischer Literaturvernetzung steht. Hier erwarten euch Posts zu den Literaturszenen Athens und Berlins, zu Differenzen und Gemeinsamkeiten in der konkreten Schreibpraxis, zum Schreiben und Veröffentlichen in der Krise und noch einigen anderen Themen.

Außerdem werden wir hier nach und nach die teilnehmenden Autor*innen vorstellen: was sie bewegt, wo und worüber sie schreiben und welchen Einfluss das eine auf das andere hat.

Wir freuen uns und sind gespannt.

Thank you!

Ihr Lieben,

drei Wochen ist es schon wieder her, wir sind aber immer noch nicht weniger überwältigt von der positiven Energie, den vielen Eindrücken, spannenden Diskussionen, dem liebevollen Miteinander und der schönen Atmosphäre, die ihr mit uns geschaffen habt! SYN_ENERGY Berlin_Athens war eine ganz besondere Erfahrung und eine Bereicherung für die deutsch-griechische Literaturbewegung. Vielen lieben Dank an alle, die diese fünf inspirierenden Tage mit uns gemeinsam verbracht und gestaltet haben und wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen!

Dear All,

SYN_ENERGY Berlin_Athens was a blast! Three weeks have passed, but we are still overwhelmed by the positive energy, the great impressions, exciting discussions and the respectful and loving atmosphere that you have created with us! SYN_ENERGY Berlin_Athens was a very special experience and an enrichment for the German-Greek literary movement. Many thanks to all of you who spent these five inspiring days together with us and we are looking forward to seeing you soon! 

(c) Nelly Tragousti

Grußwort der Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB

Hier ist das grusswort der staatsministerin prof. monika grütters mdB zur eröffnung von syn_Energy:

„Menschen brauchen Kunst, um die Krise zu verstehen, um zu verstehen, was man nicht mehr verstehen kann“, sagte die Künstlerin Christina Dimitriadis anlässlich der documenta 14, die im vergangenen Jahr in Kassel und Athen stattfand. Auch das deutsch-griechisch Literatursymposium SYN_ENERGY BERLIN_ATHENS eröffnet künstlerische Räume, die dazu einladen, fremde Gedankenwelten zu erleben und zu verstehen. Vier Tage lang werden dabei Autorinnen und Autoren aus fünf Ländern beider Sprachräume miteinander in einen literarischen Dialog treten – jenseits politischer Interessenkonflikte. Bis heute ist der Blick nach Griechenland für deutsche Künstlerinnen, Künstler und Kreative eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Gerade jene literarischen Auseinandersetzungen, die die Gegenwart reflektieren und die unter dem Eindruck des Wandels der Lebenswelten unsere Werte spiegeln und infrage stellen, laden zu einem Brückenschlag ins jeweils andere Land ein. So leistet die Literatur einen wertvollen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt auch über nationale Grenzen hinaus. “Grußwort der Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB” weiterlesen

Grußwort

Heute ist es endlich soweit:

ab 19:00 Uhr startet die Lange Lesenacht, die offizielle Eröffnung des SYN_ENERGY Symposiums im  Heimathafen Neukölln.
mit einer Moderation von Cornelia Jentzsch und Jan Wagner, Sprecher ist Denis Abrahams

Es erwartet euch eine lange Nacht der Literatur mit 24 lesenden und performenden Autor*innen  (deutsch-griechische Übersetzung) auf zwei Bühnen, umrahmt von Live-Musik des Jazz-Trios “The Grix Trio” (Floros Floridis und Yorgos Dimitriadis) feat. Achim Kaufmann und einer Live-Animation von Andreas Karaoulanis.

Mit: Phoebe Giannisi (GR), Dirk Uwe Hansen (DE), Dagny Gioulami (CH), Jochen Schmidt (DE), Vassilis Amanatidis (GR), Katerina Iliopoulou (GR), Dalibor Markovic (DE), Dominique Macri (DE), Lilly Jäckl (AT), Jazra Khaleed (GR), Kyoko Kishida (GR), Kai Pohl (DE), Maria Topali (GR), Gerasimos Bekas (GR/DE), Nina Rapi (GR), Achim Wieland (DE/CY), Jorgos Kartakis (GR), Adrian Kasnitz (DE), Jan Kuhlbrodt (DE), Elena Pallantza (DE/GR), Lily Michaelides (CY), Simone Kornappel (DE), Andrea Schmidt (DE), Yiannis Baskozos (GR)

Die Ministerin für Kultur und Sport der Hellenischen Republik, Myrsini Zorba, lässt grüßen

So widersprüchliche Sichtweisen wie „The Tyranny of Greece over Germany“ zum einen und „Griechenland unter deutschem Diktat“ zum anderen prägten in den vergangenen einhundert Jahren die gegenseitige Wahrnehmung und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, und das in ganz unterschiedlichen historischen Situationen. Die erste Sichtweise bezieht sich auf den Titel eines populären Buchs aus der Zwischenkriegszeit, die zweite wurde immer wieder während der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise laut. Man könnte so weit gehen und sagen, dass beide Länder sich in gewissem Maß gegenseitig mitgestaltet haben. Tatsächlich hat sich das Deutschland des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der griechischen Klassik herausgebildet. Griechenland wiederum wurde im selben Jahrhundert unter dem bayerischen Königshaus und bayerischer Gesetzgebung ein eigener Staat.
Auch die griechische Universität, deren erste Professoren ihre Studien in Deutschland absolviert hatten, orientierte sich am deutschen Vorbild. Der Erste Weltkrieg führte zu einer politischen Spaltung Griechenlands, als der König auf einer neutralen Haltung bestand und damit deutsche Interessen favorisierte, während der Ministerpräsident des Landes eine Kriegsbeteiligung an der Seite der Entente unterstützte. Die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg war nicht nur besonders grausam und kostete viele Menschenleben, sondern zerstörte auch die griechische Infrastruktur und Wirtschaft. An die Besatzung schloss sich der griechische Bürgerkrieg an, eine der traumatischsten Phasen der jüngsten griechischen Geschichte. In den 1960er-Jahren migrierten Griechen angesichts der ruinösen Wirtschaftslage, die eine Kriegsfolge war, nach Deutschland und trugen auf diese Weise zum Wiederaufbau des ehemaligen Kriegsgegners bei. Während der Militärdiktatur ab 1967 zeigte Deutschland große Solidarität und Unterstützung für den Kampf gegen die griechische Junta. Und kürzlich war es Deutschland, das im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Finanzkrise Griechenland den Austritt aus der Eurozone dringend nahelegte. Fast zwei Jahrhunderte lang verhalten sich also Griechenland und Deutschland mal freundschaftlich, mal feindlich zueinander. Und wie sieht es heute aus?

Einen wichtigen Beitrag liefert das Kulturportal diablog.eu, deutsch-griechische Begegnungen. In der Rolle eines Kulturmittlers versucht es, Misstrauen abzubauen; nicht mit einer Intervention von “oben” nach “unten”, sondern durch die Förderung von gegenseitigem Verständnis. In einem geschützten Raum können Bürger beider Länder voneinander mehr erfahren, ihre Gedanken austauschen, ihre Skepsis und Träume vortragen und in Übersetzungen lesen, was die jeweils anderen zu sagen haben. Kulturelle Begegnung von der Basis aus – das ist ein wirklicher Einschnitt in der Art und Weise, Annäherung möglich zu machen. Der Initiatorin dieser “deutsch-griechischen Begegnungen”, der Neogräzistin Michaela Prinzinger, kann man nur gratulieren, genau wie allen, die ebenfalls an diesem Projekt mitwirken.
Auch dem Literaturhaus Lettrétage, dem Berliner Hauptstadtkulturfonds und der Stavros Niarchos Foundation gebühren Dank und Lob für die Unterstützung dieser Zusammenkunft. In der Hoffnung, dass davon weitere Impulse für eine intensivere Kommunikation literarischer und allgemein kultureller Produktion in beiden Ländern ausgehen, wünsche ich SYN_ENERGY BERLIN_ATHENS viel Erfolg.

Myrsini Zorba
Ministerin für Kultur und Sport der Hellenischen Republik

Wir freuen uns auf spannende SYN_ENERGY Berlin_Athens Tage!

förderer

SYN_ENERGY BERLIN_ATHENS ist ein Projekt von Lettrétage e. V. und Diablog Vision e. V., geleitet von Dr. Michaela Prinzinger und Linde Nadiani. Mit freundlicher Unterstützung und Förderung des Hauptstadtkulturfonds und der Stavros Niarchos Foundation

Aus dem Hauptstadtkulturfonds werden kulturelle und künstlerische Einzelprojekte und Veranstaltungen gefördert, die für die Bundeshauptstadt Berlin bedeutsam sind, nationale und internationale Ausstrahlung haben bzw. von besonders innovativem Charakter zeugen. Die Förderung kann für beinahe alle Sparten und Bereiche des Kulturschaffens gewährt werden, die Projekte müssen aber in Berlin realisiert bzw. präsentiert werden. Die Geschäftsstelle des Hauptstadtkulturfonds ressortiert bei der für Kultur zuständigen Senatsverwaltung und wird vom Land Berlin finanziert.

Die Stavros Niarchos Foundation ist eine der weltweit führenden privaten, international tätigen und karikativen Organisationen, die gemeinnützigen Organisationen in den Bereichen Kunst und Kultur, Bildung, Gesundheit und Sport sowie der Sozialhilfe, Zuschüsse gewährt. Die SNF finanziert weltweit Organisationen und Projekte, die eine breite, nachhaltige und positive Wirkung für die Gesellschaft erzielen, eine starke Führung und ein gutes Management aufweisen. Die Stiftung unterstützt außerdem Projekte, die die Bildung öffentlich-privater Partnerschaften als wirksames Mittel zur Unterstützung des Gemeinwohls ermöglichen.

Vielen Dank!

 

cornelia jentzsch

Cornelia Jentzsch zu Odysseas Elytis

Warum sollte man Odysseas Elytis (1911-1996) , einen der großen Dichter nicht nur Griechenlands, sondern der Weltliteratur, immer wieder lesen?  Weil inmitten politischer Waghalsigkeit und Verantwortungslosigkeit das Lesen von Elytis Gedichten mit ihrer elementaren humanen Kraft zu einem Geschenk und gleichfalls zur notwendigen Erinnerung wird. Vermutlich weiß jede Gesellschaft um diese energetische Potenz, würde sie sonst die Poesie nicht immer wieder – entgegen dem organischen Bedürfnis des Menschen nach den in der Poesie vertretenen Werten – zu marginalisieren versuchen?

Auf der letzten Seite seines Gedichtzyklus’ „Westlich der Trauer“ schreibt Odysseas Elytis: „Sonderbar / Wie unbegreiflich wir leben, doch abhängig davon sind“. Er erschien in Griechenland 1995, ein Jahr bevor Elytis starb. Die Verse lesen sich als poetisches Vermächtnis. „Was bleibt ist Dichtung allein. Dichtung. Gerecht und wesentlich und direkt / Vielleicht wie in der Vorstellung der ersten Menschen / Gerecht in der Würze des Gartens und unfehlbar in der Zeit.“

Elytis‘ Gedichte sprechen von einer schon fast befremdlich anmutenden, weil bedingungslosen Verantwortung eines Einzelnen gegenüber den Menschen. Odysseas Elytis, der deshalb für sein Werk 1979 den Nobelpreis erhielt, begründete seine Haltung: „Ich betrachte die Dichtung als eine Quelle schöpferischer UNSCHULD, die ich in meinem Bewußtsein gegen eine schuldige Welt richte, um diese unter ständigen Verwandlungen so umzuformen, daß sie mit meinen Träumen in Einklang steht… Ich hoffe, daß ich so eine Freiheit, die allen Regierungen entgegengesetzt ist, und eine Gerechtigkeit, die mit dem absoluten Licht identisch ist, am Leben erhalte.“

Elytis Beharren auf Unschuld, Gerechtigkeit und Licht leitet sich direkt aus der antiken Mythologie, dem christlich-orthodoxen Glauben und der eigenen Nationalgeschichte her. So, wie Elytis seine Dichtung in der Vergangenheit verankert hat und aus ihr hervorschreibt, so verschwindet seine Poesie gegen Ende wieder hinter dem Horizont der Zeit. Oxópetra, das seinem 1991 erschienenen Gedichtzyklus den Namen gab, ist nicht nur Kap der Insel Astipalea, sondern für Elytis ist „Oxópetra der äußerste Punkt: wo die Erde ins Wasser eindringt, unsere Epoche in eine andere – der äußerste Punkt: wo mein Leben in den Tod eindringt“, wie er in einem Essay schreibt. Elytis zieht in diesen Gedichten noch einmal über das Erinnerungsmeer, zu den vergangenen Orten seines Lebens in Erwartung des nahenden Todes. Die Sonne – Helios, Energiequell und göttliches Zentrum – geleitet ihn, Elytis bezeichnet den Tod als „Sonne ohne Untergang“. Das Meer ist real und blau, gldichzeitig mythischer Erfahrungsraum. „See… / Sobald auch diese in einem fort raunend etwas von ihren uralten Mysterien / Offenbart, versagt dem Menschen die Stimme / Allein die Seele.“ Das Wort Oxópetra selbst läßt sich mehrfach übersetzen, geographisch bedeutet es felsiges Kap, „Außenstein“, es ist aber auch ein regional volkssprachlicher Ausdruck für „Grabstein“. In der griechischen Mythologie öffnet sich das Wort zum „Hadesstein“ (pétra), auf dem Odysseus wie von Kirke befohlen opfert.

Der Zyklus „To Axion Esti. Gepriesen sei“ bildet die Mitte des Werks von Odysseas Elytis. Elytis verschränkt in unglaublicher Transparenz und Schönheit drei verschiedene Erzählstränge miteinander: die Schöpfungsgeschichte eines „reinen Menschen kämpferischer Unschuld“, die Idee der Dichtung und die wechselvolle Geschichte Griechenlands. In allen Partikeln finden sich Impulse aus dem Alten und Neuen Testament, Homer, Sappho, Heraklit, Pindar, Platon bis Plotin. Seine Verse goß Elytis in erprobte und noch immer kraftvolle Formen tradierter orthodoxer Lithurgien: Psalmen, Oden und Lesungen. Das moderne Griechenland nahm „To Axion Esti“ zu Recht als eine neue Bibel auf, und diese ungewöhnliche Popularität von Poesie unterstütze der Komponist Mikis Theodorakis, der wesentliche Auszüge vertonte.

Odysseas Elytis: „To axion esti. Gepriesen sei“ (Übersetzung Günter Dietz, Elfenbein Verlag 2001)  
Odysseas Elytis: „Oxópetra Elegien / Westlich der Trauer“ (Übersetzung Barbara Vierneisel-Schlörb, Antigone Kasolea, Bibliothek Suhrkamp 2001)

Moderator*innen

Eine gute Moderation macht eine Veranstaltung rund. Umso schöner ist es, dass uns Cornelia Jentzsch und Jan Wagner durch die Lange Lesenacht im Heimathafen Neukölln begleiten, und Ellen Katja Jaeckl, Thomas Plaul, Spiros Moskovou, Astrid Kaminski und Angie Saltampasi die Symposiumstage und Abendlesungen mit uns verbringen.

Wir haben ihnen Fragen gestellt und sie haben geantwortet:

>>Was fällt dir spontan zu Berlin/ Athen ein?

Ellen Katja: Beide Städte sind ein Teil meines Lebens – heuer lebe ich 7 Jahre in Berlin, und genauso lange war ich zuvor in Athen.

Jan: Zu Berlin: Abende auf Neuköllner Balkonen. Zu Athen: Ein Tagesanbruch auf der Agor.

Astrid: Kreativität, Uringeruch, Ausverkauf der Stadt, Streetart, Anarchie, ein (immerhin minimal) erhöhtes Solidaritätsbewusstsein.

Angie: Als erstes kommt mir ein Video einer Gruppe namens “Dokoumena” in den Sinn. Wenn ich nicht irre, wurde sie durch die documenta 14, die 2017 auch in Athen stattfand, zu diesem Namen inspiriert. Es ist eine geniale, zum herzlichen Lachen herausfordernde Kritik an der Mode, Athen als das neue Berlin zu präsentieren. Es dekonstruiert humorvoll positive und negative Stereotype und hebt vor allem auf die griechische Realität ab. Für den deutschsprachigen Raum ist mir nichts Entsprechendes bekannt. In Zeiten wie diesen mag ich generell Künstler, die einfach frech sind. Was mir sonst noch einfällt, wäre der Ausdruck “Spree-Athen” für Berlin, der die deutsche Liebe zur klassischen Antike wiederspiegelt, die sich in der Berliner Architektur, aber auch in der deutschen Geisteshaltung widerspiegelt. Darüber habe ich durch Nicos Ligouris` Film Dialog von Berlin viel gelernt und schließlich denke ich dabei auch mein eigenes Buch, das den Titel “Berlin” trägt und zwischen Athen und Berlin entstanden ist.

Spiros: Berlin ist eine durch Geschichte und Politik durchtränkte Stadt, ein Klangkörper von Historien und Tragödien, durch die das heutige Europa entstanden ist. In Athen dagegen wird die Erinnerung an Geschichte und Vergangenheit kultiviert, Griechenland überhaupt ist ein Museum für die Genealogie Europas. Aber die Antike ist tot an ihrem Geburtsort, sonst überlebt sie als Kulturgut an mehreren Orten der Welt.

>>Welche Fragen würdest du gerne bei dem Symposium diskutieren?

Ellen: Katja Welche Rolle spielt die Literatur für den kulturellen Austausch zwischen unseren Ländern? Was wird übersetzt? Welche Autoren werden wahrgenommen?

Jan: Mir wäre ein Einblick in die aktuelle griechische Lyrikszene wichtig.

Astrid: Das kann ich erst sagen, wenn ich in der akuten Vorbereitungsphase bin, auf jeden Fall spannende. Hier ein kleines Brainstorming: Auf welchem Stand gesellschaftlichen, historischen Bewusstseins treffen griechische und deutsche Künstler*innen aufeinander? Welche Spuren hat das 20. Jahrhundert mit dem Zweiten Weltkrieg und später der Gastarbeiter*innen-Migration in der Perspektive auf die jeweils andere Gesellschaft hinterlassen? Welche Spuren der deutsche Umgang mit der griechischen Krise? Im Hinblick auf die Situation in Griechenland: Wie erleben die Autor*innen die Regierungs- und Gesellschaftskrise im Bezug auf die Mazedonienfrage, die Überforderung mit der Situation der Geflüchteten, überhaupt die Situation der Geflüchteten, die entweder keinen legalisierten Status haben oder ohne finanzielle Unterstützung im Zentrum Athens überleben? Wie erleben sie die wachsende Gewalt im Stadtzentrum im Allgemeinen und gegen LGBTI* im Besonderen, gerade jetzt nach dem mutmaßlichen Mord an Zak Kostopoulos? Sowie wiederum in der wechselseitigen Perspektive: Welche kreativen Strategien gibt es u.U. gegen den Ausverkauf der Stadt? Welche Strategien internationaler solidarischer Kreativität sind wirkungsvoll im Hinblick auf marginalisierte Bevölkerungsschichten und warum? Aber wie gesagt, Näheres weiß ich erst, wenn ich mich in die Texte stürze und sehe, welche Spuren solche und ähnliche Fragen darin hinterlassen.

Angie: Ich würde gern sehen, wie die deutschen Kollegen die Werke der griechischen Dichter und Prosaautoren wahrnehmen, aber auch vice versa. Außerdem möchte ich hören, wie die deutschen Kollegen die Panel-Themen des Symposiums interpretieren und wie sie als Kulturschaffende die sich radikal verändernde europäische Realität erleben.

Spiros: In den Jahren der sogennanten Griechenlandkrise wurde manchmal das Schweigen der griechischen Autoren darüber bemängelt. Deswegen freue ich mich auf das Echo des bedrückenden Alltags in den Werken der griechischen Schriftsteller. Und in den Werken ihrer deutschen Kollegen möchte ich Experimente des Ausbruchs aus einer saturierten Gesellschaft vernehmen, das, was man früher das Erhabene genannt hat. Also ich würde gerne in Berlin die Korrespondenz zwischen Leben und Literatur diskutieren.

>>Was erwartest du dir darüber hinaus von den SYN_ENERGY Tagen?

Ellen Katja:Neue literarische Entdeckungen, spannende Diskussionen und eine Vielfalt an Perspektiven.

Jan: Gute Begegnungen und Gespräche.

Astrid: Wie ein guter Freund sagt: If you go to the garden of expectations, take a small basket.

Angie: Es ist eine wunderbare Gelegenheit, Texte zu genießen, die ich bisher noch nicht gelesen habe. So erwarte ich mir ein Literaturfest, bei dem die Texte selbst im Mittelpunkt stehen, aus denen ich einen neuen Erkenntnisgewinn für mich ziehen kann.

Spiros: Regen Austausch und Begegnungen zwischen den Schriftstellern beider Länder. Freundschaften zwischen den Schreibenden, die SYN_ENERGY überleben, werden die europäische Akustik der Literatur verbessern

Kai Pohl

Kai Pohl über seine Methode beim Schreiben

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Viele meiner Montagen und Cut-ups sind geformt aus Material, das zu einem großen Anteil dem verbalen Reservoir des world wide web entnommen ist und mittels Schnitt, Neukonstruktion und Transformation gefügig gemacht wurde. Die Basis solchen „Schreibens“ ist kein „literarischer Wert“, sondern sprachlicher Abrieb als Ergebnis eines babylonischen Tastenschlages, der den Orkus des Hypertextes speist.

Verdichtung, nicht Dichtung, heißt die Methode; ein Versuch, den Zungenschlag der Zeit im Medium des Zeitgeistes zu treffen; ein Zungenkuß, der im semantischen Abraum wildert. Daraus entstehen dann zum Beispiel Zeilen wie diese:

„,Frühling, hörst du? / Das Getwitter der Vögel / swingt wie Gerste im Weizenfeld!‘ // Sei der erste, dem das gefällt, / gib deinen Kommentar ein und / verschwende deine besten Jahre / damit, Formulare auszufüllen, / um an Geld zu kommen.“

(aus dem Gedicht „Ein halbes Paar Socken“, erschienen im Band „Staatenlose Insekten“)

Dass ich Montagetechniken zur Textproduktion häufig nutze und zeitweise bevorzuge, folgt der Tatsache, dass es keine „eigenen Worte“ gibt. Auch konventionelle Gedichte gehen ja mit Anspielungen, Zitaten und Ideen um, die aus dem kulturellen Umfeld stammen. Und da niemand genau weiß, woher die Wörter kommen, ist es auch egal, woher man sie nimmt: aus dem Kopf, aus dem Wörterbuch, aus dem Radio, aus der Suchmaschine. Entscheidend ist, wozu man sie nimmt. Der Zweck heiligt die Wörter. Und da man sich mehr als genötigt sieht, zwischen großen Worten leben und sich einrichten zu müssen, bietet sich die Gelegenheit, aus eben diesen Worten die Energie zu beziehen, die nötig ist, um das leere aber mächtige Gerede auszuhalten und auszuschlachten für die Verabreichung einer gut abgeschmeckten Portion Poesie.

Kai Pohl ist Teil des Panels “Poetrypolitics”, 19.10., gemeinsam mit Lilly Jäckl (AT), Jazra Khaleed (GR) und Kyoko Kishida (GR). Wir freuen uns darauf!

Andrea Schmidt

Andrea Schmidt ist Teil des Panels “Schreibpraxen und Präsentationsformen” (20.10.), gemeinsam mit Yiannis Baskozos (GR), Simone Kornappel (DE) und Lily Michaelides (CY) und sagt treffend:

“Die Orte zum Poetisieren sind überall!”

Das Verlagshaus ist ein Berliner Independent-Verlag. Wir sind stets auf der Suche nach individuellen Strategien, um die Stimmen unserer Autor_innen hörbar zu machen: Neben klassischen Vertriebswegen über Buchhandlungen und unsere Internetseite werden die Bücher in sozialen Netzwerken präsentiert, aber auch — je nach Buch — in Museen, Galerien, Heimwerkerläden und Zoohandlungen: Die Orte zum Poetisieren sind überall! Über eine dieser verlegerischen Strategien werde ich im Panel 6 sprechen und hier eine Edition des Verlagshauses, die »Edition Binaer« vorstellen. Eigens für diese neue E-Book-Reihe haben wir ein flexibles Lyrik-Code-System entwickelt, welches, unauffällig in die Gedichte eingefügt, die Lesbarkeit der Struktur von Gedichten im E-Book gewährleisten soll. Unsere E-Books sind nicht nur eine digitale Version eines gedruckten Buches, sondern zeigen über Interviews, Essays, Kommentare und Glossare den Entstehungszusammenhang von Texten auf. Im digitalen Raum, da, wo viele alteingesessene Buchhändler_innen erst einmal das Sterben des Buches befürchteten, sahen wir die Chance, mit dem Lyrik-Code in E-Books weitere Räume für Gedichte und damit für unsere Autor_innen zu erschließen: Noch keine perfekte Lösung, aber ein Ansatz zum Weiterdenken. Interessiert mich!

Ihre Lieblingsorte sind überall dort, wo es Bücher gibt: bei uns im Verlagshaus Berlin, wo wir neue Manuskripte sichten, Schätze ausgraben und diese in Form von Lyrikbänden zum Leben erwecken.

Außerdem ist sie gerne und oft auf Lesungen oder in gut sortierten Buchhandlungen: meistens, wenn ich mal keine Lyrik lesen und andere literarische Genres entdecken möchte.

Ihr Lieblingsort ist aber auch ihr Schreibtisch zu Hause: an dem ich für Lieblingstexte ganze Bilderwelten entstehen lasse und Aufführungskonzepte für Lesungen entwickle, wie z. B. für den Band »Die Erbärmlichkeit des Krieges« von Wilfred Owen (Verlagshaus Berlin, 2014).

Wir freuen uns sehr, dass Andrea Schmidt Teil von SYN_ENERGY ist!

Phoebe Giannisi

“Poetry is a response to stimuli, which touch, permeate and agitate the body.

In her writings, Phoebe Giannisi asks about the meeting point between poetry and the natural world, she explains that “the so called ‘natural’ world is [her] window to poetry”, that “the bodily senses are mediated by their expressiveness through constructed language, which means poetry or philosophy, the first ax that dug this world.

I am referring to the simplest stimuli, the contact with other beings, with the earth and the place, with the everyday, with life, with memory, with others’ poetry, with what comes from the outside, triggering emotion. Inspiration is a kind of inhalation of the other, that is returned to the outside by a construction made with feeling and thinking. Every part and every species that compose the Chimera has its own autonomy, yet all function evenly as a network.

As I grow up, I have come to realize that for me poetry, writing and vocalization constitute also a form of therapy. As Eleni Stecopoulos aptly puts it in her book Visceral Poetics, poetry is a kind of healing practice, it has to do with illness, it is visceral, sympathetic, it is a form of care in order to be. For me, the practice of handwriting as well as writing itself is such an activity, just like oral recitation is a ritual of healing. More and more consciously, as I practice poetry, I invent a ritual that makes me forget. The cicada that metabolizes the juice is such a vain momentary effort that heals pain without curing.

The dense minimal poems of Giannisi explore with arresting directness the relationship between language and the elements of the natural world with a language which is always subtle and inornate, skillfully bare,” as Haris Vlavianos aptly put it. What is the relationship between art and the urban landscape? Where does poetry meet the natural world in your writings?

Already from my early writings, one could easily discern a quest to utter the experience of a relationship, either enthusiastic or mournful, to the natural element. Is it a kind of return to the archaic? Is this a kind of celebration to beauty? Or is it rather a kind of grief, a desperate attempt to bring the being out of oblivion?

This “archaism” should not be dissociated from language and representation. The so-called ‘natural’ world (along with the questions this term poses in the 21st century in relation to the construction of the natural as part of the cultural) is my window to poetry. But the bodily senses are mediated by their expressiveness through constructed language, which means poetry or philosophy, the first ax that dug this world.

Svenbro writes about the first samples of writings, the inscriptions put in verse on ancient Greek statues, where the first person was used to refer to the object bearing the inscription: “Mr. Brugmann accepts the hypothesis that the Greek ‘ego’ is descended from an Indo-European noun, eg(h)om, meaning Hierheit, “hereness”.” (p. 73, Phrasikleia). I consider this etymology of the ‘I”, “ego”, as related to locality, to “hereness”, a very appealing interpretation, so suitable that it looks fake, for my work. If the “I” is nothing less than a ‘here’, then the voice in poetry expresses nothing but this ‘here’, yet through the multiplicity of subjects, those Others, that dwell ‘here’ at that very moment. Place and language together, language as a place.

If science answers a question that has been formulated, then art responds to questions that never arose, to a kind of a call. In poetry, this is the call of the Other. In the urban landscape, the Other, different but also similar, is related to the human and the social. The urban space renders the human multiplicity; an immense and living complex environment, with its own built typology, its patterns of repetition and ritual, its singular events. Urban space offers the vital perspective of meeting different subjectivities, carrying a polyphony of their own myths and voices.. That’s why situationalists reflect on the city as the primary place for the theater of life, where everyone can playfully participate. City wandering and oral dealings with people enrich experience in the most surprising and joyful way; they also reveal human pain, social inequalities and struggles. Last but not least, the urban space is also the area of publication, where the poet returns to the public what may have been created somewhere in the loneliness, outside.

Phoebe Giannisi is part of the panel “Mythen als performativer Akt” (18.10), together with Dagny Gioulami (CH), Dirk Uwe Hansen (DE) and Jochen Schmidt (DE).

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