Dagny Gioulami

Ihren ersten Text schrieb Dagny Gioulami in der Bibliothek der Schule für Gestaltung in Zürich.


Die Schule für Gestaltung befand sich damals in meiner Nachbarschaft, in einem sehr eleganten Gebäude aus den Dreissigern, über dem Museum für Gestaltung. Seit einigen Jahren ist die Schule für Gestaltung Teil der Zürcher Hochschule der Künste; zusammen mit der früheren Schauspielakademie, dem Konservatorium und anderen Schulen gehört sie zum beeindruckenden Campus im Toni-Areal, einer ehemaligen Molkerei. Dort gibt es natürlich auch eine Bibliothek, die sogar einen Loungebereich hat, wo man auf amöbenförmigen Möbeln sitzen oder liegen und aus riesigen Fenstern über Industriegebiete und Gleislandschaften blicken kann.
Einmal, in einem amerikanischen Kinderbuch, las ich in der Danksagung des Autors ungefähr folgendes:
„I visited Emily Dickinson’s house in Amherst where this story was lowered to me.“
Dem Autor wurde also in einem bestimmten Haus eine Geschichte heruntergelassen. Er befand sich in dem Haus und die Geschichte schwebte von oben auf ihn herab, wie zum Beispiel Blütenblätter. Von wem oder von wo aus die Geschichte heruntergelassen wurde, weiss man nicht, man kennt nur den Ort, an dem sie beim Autor ankam.
In der alten Bibliothek der Schule für Gestaltung, die nicht mehr die Schule für Gestaltung ist, dachte ich oft an diesen Satz, daran, dass hier die Geschichten zu mir heruntergelassen werden. Lag es an der Schönheit der Architektur? Daran, dass ich dort nicht abgelenkt wurde? An den Dreissiger Jahren? An Sophie Täuber, die an der Schule unterrichtet hatte?
Die Bibliothek fehlt mir. Das Schreiben ist ohne sie schwieriger geworden.
Heute Nachmittag habe ich nachgesehen, wozu der Raum jetzt gebraucht wird: als Werkstatt für die Vermittlung der Designsammlung des Museums. In den Regalen stehen Alltagsgegenstände, die man anfassen darf, an den Tischen kann man zum Thema der laufenden Ausstellung selber etwas gestalten. Diesen Monat werden Kraniche aus Papier gefaltet. Ich habe mich erkundigt, ob das Publikum den Raum frei benutzen darf. Ja und nein. Wenn das Schild „Werkstatt offen, bitte eintreten“ an der Tür hängt, darf man eintreten und basteln. Einfach an einem eigenen Text schreiben oder ein eigenes Bastelprojekt mitbringen ist nicht erlaubt.
Unzählige Kraniche hängen an Fäden von der Decke der alten Bibliothek, die jetzt eine Werkstatt ist. Bald werden die Kraniche heruntergelassen oder fliegen weg.
Ich muss einen neuen Raum finden.

Dagny Gioulami ist Teil des Panels “Mythen als performativer Akt” (18.10.), gemeinsam mit Phoebe Giannisi (GR), Dirk Uwe Hansen (DE) und Jochen Schmidt (DE). Wir freuen uns sehr!